Anleitung

Erste Hilfe Grundlagen: Was jeder können sollte

Erste-Hilfe-Ausrüstung ausgebreitet auf einem Rucksack im Freien
Schwierigkeit Einsteiger
Dauer 15 Min. lesen
Materialien Erste-Hilfe-Kit, ggf. Kursanmeldung

# Warum Erste Hilfe lebensrettend ist

In Deutschland erleiden jährlich rund 100.000 Menschen einen Herzstillstand außerhalb des Krankenhauses. Nur etwa 10 % überleben – nicht weil Rettung zu spät kommt, sondern weil Ersthelfer zu selten eingreifen. Dabei ist die Rechnung einfach: Jede Minute ohne Reanimation senkt die Überlebenschance um circa 10 %. Wer innerhalb der ersten 4–5 Minuten handelt, bevor irreversible Hirnschäden entstehen, kann das Überleben verdoppeln oder verdreifachen.

Das gilt nicht nur für den Herzstillstand. Unkontrollierte Blutungen, Erstickung, Schock – viele lebensbedrohliche Situationen lassen sich mit wenigen erlernten Handgriffen bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes überbrücken.

Erste Hilfe ist kein Expertenwissen. Es sind ein Dutzend Handgriffe, die man an einem einzigen Tag lernen kann – und die ein Leben lang behalten werden.

# Die 7 Grundfertigkeiten

# 1. Den Notruf richtig absetzen

Europaweite Notrufnummer: 112 (kostenlos, funktioniert in allen EU-Ländern und aus jedem Netz, auch ohne SIM-Karte).

Beim Notruf gilt die 5-W-Regel:

  • Wo ist der Notfall? (genaue Adresse, Orientierungspunkte, GPS-Koordinaten)
  • Was ist passiert? (Herzstillstand, Unfall, Verletzung)
  • Wie viele Personen sind betroffen?
  • Welche Verletzungen oder Symptome liegen vor?
  • Warten auf Rückfragen der Leitstelle – nie zuerst auflegen!

Die Leitstelle gibt aktive Anweisungen durch – Reanimation, Lagerung, Blutstillung. Ruhig bleiben und zuhören.


# 2. Bewusstlosigkeit erkennen und handeln

Prüfe in dieser Reihenfolge:

  1. Ansprechen: „Können Sie mich hören?" – laut und deutlich
  2. Anfassen: Schultern rütteln
  3. Atemkontrolle: Kopf in den Nacken legen (Atemweg freimachen), Mund/Nase beobachten – max. 10 Sekunden

Normale Atmung vorhanden → Stabile Seitenlage (→ Punkt 3) Keine normale Atmung → Sofort mit Reanimation beginnen (→ Punkt 4)


# 3. Stabile Seitenlage

Für Bewusstlose, die noch atmen: schützt vor Ersticken durch Zurücksinkende Zunge oder Erbrechen.

Ablauf:

  1. Arm der Gegenseite rechtwinklig nach oben legen
  2. Handgelenk des körpernahen Arms zur Wange führen
  3. Knie der Gegenseite hochziehen, Person auf die Seite drehen
  4. Mund leicht öffnen, Kopf leicht überstrecken
  5. Atmung alle 2 Minuten kontrollieren

Merke: Atemkontrolle nicht vergessen – Zustand kann sich ändern.


# 4. Herz-Lungen-Wiederbelebung (HLW / CPR)

Bei Bewusstlosigkeit ohne normale Atmung sofort beginnen:

Druckpunkt: Mitte des Brustkorbs, untere Hälfte des Brustbeins.

Technik Herzdruckmassage:

  • Handballen übereinander legen, Finger verschränken
  • Arme gestreckt, senkrecht drücken
  • Tiefe: 5–6 cm
  • Tempo: 100–120 Drücke pro Minute (Rhythmus: Bee Gees „Stayin’ Alive")
  • Brust vollständig entlasten zwischen den Drücken

Verhältnis: 30 Kompressionen : 2 Beatmungen. Wenn Beatmung nicht möglich oder gewünscht: Hands-Only-CPR (nur Herzdruckmassage, ohne Unterbrechung) ist genauso wirksam und besonders für Ungeübte empfohlen.

Nicht aufhören, bis: Rettungsdienst eintrifft, AED angeschlossen ist, die Person wieder atmet, oder man körperlich nicht mehr kann.


# 5. AED (Defibrillator) bedienen

AEDs sind in Bahnhöfen, Einkaufszentren, Sportzentren und vielen öffentlichen Gebäuden installiert. Sie sind für Laien konzipiert – einfach einschalten und den Sprachansagen folgen.

Ablauf:

  1. AED einschalten (Deckel öffnen oder Knopf drücken)
  2. Elektroden wie abgebildet ankleben (rechts unter Schlüsselbein, links seitlich unter Achsel)
  3. Gerät analysiert automatisch – niemand berührt die Person
  4. Bei Schockempfehlung: sicherstellen, dass niemand die Person berührt, Schock auslösen
  5. Sofort weiter mit CPR

AED-Standorte finden: www.aed-suche.de oder „AED" in Google Maps suchen.


# 6. Blutungen stoppen

Starke Blutungen können in Minuten tödlich sein. Priorität: Druck, Druck, Druck.

Direkte Druckkompression:

  1. Sterile Wundauflage (Kompresse) direkt auf die Wunde legen
  2. Mit der ganzen Hand fest andrücken – ohne nachzulassen
  3. Verbandsmull darüber fixieren (Druckverband)
  4. Durchbluteten Verband nicht entfernen, neues Material darüberlegen

Tourniquet (Abbinden) bei Gliedmaßen: Bei unkontrollierbaren, lebensbedrohlichen Blutungen an Arm oder Bein ist das Abbinden mit einem Tourniquet oder improvisierten Mittel (Gürtel, Dreiecktuch) lebensrettend. So nah wie möglich am Körper anlegen und Uhrzeit notieren.


# 7. Schocklagerung

Schock ist kein Ohnmacht-Anfall, sondern ein lebensbedrohliches Kreislaufversagen. Zeichen: Blässe, kalter Schweiß, schneller schwacher Puls, Verwirrtheit, Durst.

Schocklagerung: Beine 30–45 cm hochlegen (nur wenn keine Verletzungen an Beinen, Becken oder Wirbelsäule vorliegen). Warmhalten (Rettungsfolie!), beruhigen, bei Bewusstsein kleine Schlucke Wasser erlauben. Nicht allein lassen.

Ausnahmen: Bei Kopf-, Brust- oder Bauchverletzungen Flachlagerung oder halbsitzende Position.


# Weitere wichtige Skills

# Heimlich-Manöver (Fremdkörper im Hals)

Bei erstickendem Erwachsenen oder Kind (über 1 Jahr), das nicht mehr husten kann:

  1. Von hinten umfassen, eine Hand zur Faust ballen (zwischen Bauchnabel und Brustbein)
  2. Mit der anderen Hand die Faust umschließen
  3. Kräftig nach innen und oben ziehen – 5 Mal wiederholen
  4. Abwechselnd mit 5 Rückenschlägen (flache Hand zwischen Schulterblätter)

Bei Säuglingen: Rückenschläge in Bauchlage, Brustdrücke auf Fingern quer.

# Verbrennungen behandeln

  • Kühlen: 15–20 Minuten mit lauwarmem bis kühlem Wasser (15–20 °C) – kein Eis, kein Butter, keine Zahnpasta
  • Kleider wenn möglich entfernen, Schmuck abnehmen
  • Wunde mit steriler Folie oder sauberem Tuch abdecken
  • Bei Verbrennungen größer als eine Handinnenfläche oder im Gesicht: Notruf 112

# Hypothermie (Unterkühlung)

Anzeichen: Zittern, Apathie, verwaschene Sprache, Bewusstlosigkeit.

  • Person nicht aktiv und schnell aufwärmen (Herzrhythmusstörungen!)
  • Nasse Kleidung vorsichtig entfernen, in Decken/Schlafsack wickeln
  • Wärme über Rumpf, nicht Extremitäten
  • Warme (nicht heiße) Getränke nur bei bei Bewusstsein

# Anaphylaxie (allergischer Schock)

Zeichen: Urtikaria, Atemwegsschwellung, Blutdruckabfall, Bewusstseinsverlust.

  • Notruf 112 sofort
  • Adrenalin-Pen (EpiPen) verwenden wenn vorhanden – Oberschenkel, durch Kleidung
  • Person flach lagern, Beine hochlagern
  • Bei Atemnot: aufrecht setzen

# Auffrischungskurs: Wo & was kostet es?

# Warum regelmäßig auffrischen?

Reanimationstechniken verändern sich (z. B. wurde Mund-zu-Mund in vielen Situationen durch Hands-Only-CPR abgelöst), und erlernte Bewegungsabläufe verblassen. Empfehlung: alle 2 Jahre, nach dem Führerscheinerwerb ist ein Kurs ohnehin Pflicht.

# Anbieter und Kosten

Anbieter Kursformat Kosten
Deutsches Rotes Kreuz (DRK) 9 UE, 1 Tag 30–45 €
Johanniter-Unfall-Hilfe 9 UE, 1 Tag 35–45 €
Malteser 9 UE, 1 Tag 35–45 €
ASB (Arbeiter-Samariter-Bund) 9 UE, 1 Tag 30–40 €
DLRG inkl. Schwerpunkt Wasser 35–50 €

Kurs finden:

  • www.erstehilfe.de – Kurssuche für alle Anbieter
  • Direkt bei DRK, Johannitern oder Maltesern über deren Website nach PLZ suchen
  • Viele Arbeitgeber übernehmen Kosten für betriebliche Ersthelfer (§ 26 DGUV V1)

Kosten für Betriebe: Unternehmen sind gesetzlich verpflichtet, einen ausgebildeten Ersthelfer pro 50 Mitarbeiter vorzuhalten. Kosten werden von der Berufsgenossenschaft erstattet.


# Kostenlos lernen: YouTube-Empfehlungen

Eine gute Zertifizierung ersetzt kein Video – aber als Einstieg, Auffrischung zwischen Kursen oder zum Nachschlagen sind diese Kanäle wertvoller Goldstandard:

# Deutsch

Deutsches Rotes Kreuz Der offizielle DRK-Kanal bietet geführte Erste-Hilfe-Videos in hoher Qualität, einschließlich vollständiger Kurseinheiten zu CPR, Schockbehandlung und Verbandtechniken. 🔗 youtube.com/@DRK_Bundesverband

Suche auf YouTube: „Erste Hilfe Kurs komplett DRK" – mehrstündige Vollkurse kostenlos.

# Englisch

St John Ambulance (UK) Einer der ältesten und renommiertesten Erste-Hilfe-Kanäle weltweit. Klare, kurze Videos zu allen Notfallsituationen – von CPR bis allergischer Reaktion. 🔗 youtube.com/@stjohnambulance

American Red Cross Offizieller Kanal mit breitem Spektrum: Naturkatastrophen-Vorbereitung, CPR, First Aid Certification-Inhalte. 🔗 youtube.com/@AmericanRedCross

Khan Academy Health & Medicine Medizinisch fundierte Erklärvideos auf Englisch – gut zum tieferen Verständnis der Grundlagen.


# Das richtige Erste-Hilfe-Kit

Wissen allein reicht nicht – du brauchst das richtige Material griffbereit. Je nach Einsatzzweck gibt es unterschiedliche Empfehlungen:

# Für das Auto: DIN 13164

Pflicht in Deutschland. Die aktuelle Norm (seit 2022) enthält zusätzlich FFP2-Masken, Handschuhe und Mund-Nase-Schutz.

Leina-Werke Pro Safe Auto-Verbandskasten

# Für Zuhause und Outdoor: Erweitertes Kit

Ein solides Heim- und Outdoor-Kit sollte über die KFZ-Norm hinausgehen: Druckverband, Tourniquet, Rettungsfolie, Einmalhandschuhe mehrfach, Schere, Pinzette, Splitterpflaster, Kohle-Tabletten.

Swiss Safe 2-in-1 Erste-Hilfe-Set

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# Selbst zusammenstellen oder Fertigkit?

Detaillierte Liste mit allen Komponenten – inklusive Vergleich der besten Fertigkits auf Amazon – findest du hier:

👉 Das perfekte Erste-Hilfe-Kit: Was wirklich rein muss


Erste Hilfe ist eine der wertvollsten Fähigkeiten überhaupt – und eine der am meisten vernachlässigten. Die gute Nachricht: Du kannst in einem Tag lernen, Leben zu retten. Meld dich für einen Kurs an, schau ein oder zwei YouTube-Videos und lege ein gutes Kit parat. Das reicht, um im Ernstfall einen Unterschied zu machen.

Anja & Marco Bullin

Seit 2014 beschäftigen wir uns mit Outdoor-Ausrüstung und Vorsorge. Wir empfehlen nur, was wir selbst nutzen oder nach eingehender Recherche wirklich für gut befinden – auf mehrtägigen Trekkingtouren, im Alltag und im Notfallrucksack. Mehr über uns →

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